Über die Global Bio Gardens

Seit Mitte April 2020 existiert direkt neben dem Campus der Universität Erfurt ein internationales Landwirtschaftsprojekt, an dem derzeit rund 54 Personen beteiligt sind. Die meisten von ihnen sind internationale Studierende aus mehr als 20 Ländern.

 

Das Projekt verdankt seine Existenz dem Phänomen des Coronavirus-Lockdown. Die ersten Wochen des Lockdowns verlangsamten das Leben auf dem Campus der Universität Erfurt. Unter den internationalen Studierenden der Universität Erfurt und der Willy-Brandt-School und den neu angekommenden Familien entstand die Idee eine Farm zu gründen, in der Menschen eine produktive Arbeit verrichten können.

 

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen Global Bio Gardens (GBG)1 derzeit als Freizeitbeschäftigung, beschäftigen sich jedoch mit Fragen zur gesicherten Lebensmittelverfügbarkeit.

Sie alle sind an einer nachhaltigen Art der Landwirtschaft interessiert und einige von ihnen wollen nun nachhaltige Agrarbewirtschaftung in ihren Heimatländern fördern. Die Idee, selbst Nahrungsmittel zu produzieren, motiviert die GBG-Teilnehmer*innen.

 

Zu den Hauptgründer*innen gehören Kankana Dutta, Anastasia Steinbrunner, Georgy Varghese (Master-Studenten an der Willy-Brandt-School) und Dr. Fred Meier-Menzel (Designwissenschaftlerin, Bauhaus-Universität).

 

Die Initiative der GBG hatte das Glück, Annegret Rose (Saatgut Rose)2 als Expertin für Demeter-Landwirtschaft zu gewinnen. Sie hatte uns ein Stück Land sowie Demeter-Saatgut angeboten und uns vorgezogene Setzlinge zur Verfügung gestellt. Des weiteren unterstützte sie uns, indem sie zwei Landwirtschaftsexpertinnen der Fachhochschule Erfurt zu GBG brachte, um die Studierenden bei der landwirtschaftlichen Arbeit zu beraten.

 

Vorerst umfasst die GBG-Initiative Studenten der Universität Erfurt, der Bauhaus Universität in Weimar, der Universität Schmalkalden, drei geflüchtete Familien: eine aus Afghanistan und zwei türkische Familien, den Kindergarten des Max-Kade-Hauses und hoffentlich bald auch Menschen vom CJD Erfurt, die sich diesem multikulturellen, sozialen Eingliederungsprojekt anschließen werden.

 

Weitere Kooperationspartner sind die Stadtwerke Erfurt mit Marketingleiterin Sabine Hölterhoff, Katy Wenzel mit ihrem Schulgarten, Universität Erfurt, Steffen Langbein, Mitglied des Vereins "Fremde werden Freunde e.V." und Försterin Frau Krispin. 

 
 
 
 
 

Unsere Schwerpunkte

Nachhaltiges Leben

 

Die Teilnehmer*innen des GBG-Projekts produzieren Gemüse und Kräuter für den täglichen Gebrauch: Kartoffeln, Zucchini, Koriander und Kürbisse gehören zu den begehrtesten Gemüsesorten und Kräutern.

Der Klimawandel

Klimawandel und landwirtschaftliche Praktiken sind eng miteinander verbunden. Das GBG-Projekt ist ein Bioprojekt, bei dem keine chemischen Düngemittel im Prozess der Herstellung von Lebensmitteln benutzt werden. Die Qualität des Bodens gehört zu den besten des Landes und ist zertifiziert. Dieses Projekt ist ein Bemühen der Teilnehmer*innen einen Beitrag zum Klimawandel zu leisten.
 

Gesicherte Lebensmittelverfügbarkeit

 

Gesicherte Lebensmittelverfügbarkeit wird vom Welternährungsgipfel definiert als „besteht, wenn alle Menschen zu jeder Zeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung haben, um ihre Ernährungsbedürfnisse und -präferenzen für ein aktives und gesundes Leben zu erfüllen". Die GBG ist eine Initiative zur Erreichung dieses Ziels. Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit einer solchen Initiative erhöht. Das Bild von Menschen, die vor Supermärkten auf der ganzen Welt Schlange stehen und leere Regale vorfinden, hat in den Gründer*innen ein Umdenken ausgelöst.

 

 

Soziale Integration

 

Integration ist ein Schlüsselaspekt des Projekts. Die 52 Mitglieder der Farmgruppe gehören mehr als 20 Nationalitäten an, von denen drei geflüchtete Familien sind. Das Alter der Teilnehmer*innen reicht von einem vierjährigen Kindergartenkind bis zu einem über 65-jährigen Großvater aus Afghanistan. Eine der Familien ist neu aus der Türkei angekommen und für sie ist die Farm wie ein Auffangnetz. Die auf dem Bio-Farm verbrachte Zeit hilft ihnen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, ohne ihre Identität zu verlieren. Dasselbe gilt für die afghanische Familie. Kleine Kinder aus der afghanischen Familie treffen Kanishka, der ebenfalls aus Afghanistan stammt. Er hatte kürzlich an der Universität Erfurt promoviert und bleibt mit seinen akademischen Leistungen ein inspirierendes Vorbild.

 

In GBG entsteht keine Assimilierung, die auf Zwang beruht, sondern auf einer freiwilligen Basis und einem freundschaftlichem Austausch in mehreren Sprachen. Vor Ort sind Menschen verschiedener ethnischer Gruppen anzutreffen, unabhängig von Sprache, Schicht und Religion. Die Teilnehmer*innen können Gemüse, Kräuter und Blumen ihrer Wahl anpflanzen. Zuerst werden ihnen Demeter-Samen von Annegret Roses Farm angeboten. Später sahen wir Interesse bei den Teilnehmer*innen, Pflanzen

aus ihren Ländern vorzustellen. Dies stellt ein spannendes Projekt für den kommenden Frühling dar.

 

In gewisser Weise nehmen sie sich in diesem halben Jahr ein Stück Land in Deutschland und machen es sich zu eigen und entwickeln ein Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrem Land.

 

Wissensaustausch

Die Teilnehmer*innen, insbesondere diejenigen, die bereits Erfahrungen gesammelt haben, tauschen sich über verschiedene Praktiken aus, die sie zuvor in anderen landwirtschaftlichen Projekten angewandt haben. Zum Beispiel hat Herr Hussain Ali eine besondere Art des Kartoffelanbaus. Er schafft eine Mulde zwischen zwei Kartoffelreihen, um das Wasser für längere Zeit zu speichern.

 

Immerzu werden in der GBG Whatsapp-Gruppe Rezepte für die Zubereitung von Gerichten ausgetauscht.

 

Einige der Gruppenmitglieder sind politisch engagiert. Während der rechtsextremen Anschläge in Erfurt im August 2020 gab es Diskussionen über den Besuch der Opfer des Anschlags und die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus in Thüringen. Die Reichweite der Initiative geht weit über die reine Nahrungsmittelproduktion hinaus.

 

Zukunftspläne und Herausforderungen

Zur Zeit kann der Erfolg des Projekts auf die wohlwollende Hilfe von Annegret Rose zurückgeführt werden. Das Land, das Saatgut und die Setzlinge wurden von ihr kostenlos zur Verfügung gestellt. Für die Zukunft ist die Nachhaltigkeit des Projekts ein Anliegen. Es bedarf der aktiven Unterstützung durch die Universität, das Land Thüringen und andere bedeutende Institutionen und Einzelpersonen. In Zukunft muss das Projekt in der Lage sein, Land zu pachten und Saatgut/Setzlinge zu kaufen und selbstständig zu betreiben.

 

Global Citizenship Education-Aspekt

Die Global Bio Gardens Initiative steht für einige der Kernwerte, für die Global Citizenship Education eintritt. Sie ist bestrebt, Herausforderungen wie Migration und Klimawandel anzugehen. Bei der GBG konnte man die Verschmelzung von lokaler und globaler Identität für eine sozial gerechte, friedliche und ökologisch nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft beobachten. Zum Beispiel gibt uns das Engagement mit dem multikulturellen Kindergarten der Universität Erfurt jeden Dienstag die Gelegenheit, den Kindern diese Idee eines ökologisch nachhaltigen Lebens vorzustellen.

 

geschrieben von Georgy Varghese und Dr. Fred Meier-Menzel Erfurt, 18. Aug. 2020